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Kreissynode: Von der kirchlichen Anstalt zur Akteurin

Erstellt am 01.07.2019

„Dem Unglaublichen vertrauen und es trotzdem zu sagen wagen“

KSV Sommer 2019

Der Kreissynodalvorstand (v.l.): Pfarrer Ulrich Walter (Scriba), Hannelore Klippel, Pfarrer Eugen Soika (Stv. Assessor), Superintendentin Katrin Göckenjan-Wessel, Mechthild Wiedtemann, Dr. Ulrike Preuß und Jürgen Behrendt. (Foto: GH)

RECKLINGHAUSEN - Die Welt verändert sich schneller als je zuvor. Wo der Wind der Veränderung bläst, ist es - in Anlehnung an ein altes chinesisches Sprichwort - wichtig, nicht mehr weiter Mauern zu bauen, sondern besser Windmühlen. 

Entsprechend wird sich auch die Kirche je neu den Veränderungen, dem ständigen Wandel stellen. „Die Wahrheit“ in diesem Wandel, so der katholische Propst Jürgen Quinte bei seinem Grußwort zu Beginn der Kreissynode an die evangelischen Delegierten, ereigne sich aber „nicht als Antwort, sondern als Frage“ auf dem Lebensweg.

Viele wichtige Fragen auf dem Weg der Veränderungen beschäftigten auf dieser Kreissynode die rund 90 Delegierten aus Kirchengemeinden und kirchlichen Einrichtungen. Gleich zu Beginn der Verhandlungen die Frage zweier junger Akteure der weltweiten Schüler- und Studierenden-Protestbewegung „Fridays For Future“ zur Stellung der Kirche(n) angesichts der klimapolitischen Herausforderungen. Paula Becker und Leander Müller waren als Gäste eingeladen worden, um von ihren Erfahrungen zu berichten und sich damit in die ganztägigen Beratungen einzubringen.

„Wir streiken seit sechs Monaten, es hat sich leider nicht viel getan“, berichtete Paula Becker. „Die Politiker reagieren alle ähnlich skeptisch bis ablehnend zum Klimawandel. Wir müssen uns als junge Menschen über das Jahr 2030 Gedanken machen, über unsere Familienplanung. Es wird schwer für uns. Es bleiben uns 11 Jahre, um Veränderungen herbeizuführen. Wir brauchen wirklich jede und jeden. Solidarisieren Sie sich mit uns, machen Sie mit, werben Sie für uns!“, appellierten die beiden Aktivisten an die rund 90 Delegierten. Diese zollten ihnen mit einem langen Applaus und zum Teil standing ovations Beifall.

Die Evangelische Kirche ist der "Bewahrung der Schöpfung" schon aufgrund der biblischen Schöpfungsgeschichte zutiefst verpflichtet. Trotz vieler guter Aktivitäten und Impulse sie sie in manchen Bereichen derzeit noch eher „Teil des Problems, nicht der Lösung“, so Superintendentin Katrin Göckenjan-Wessel selbstkritisch.  Die Delegierten verabschiedeten eine Resolution mit einem Aufruf an alle ihre Mitglieder zu mehr Engagement für Klimagerechtigkeit im persönlichen wie auch im kirchlichen und gesellschaftlichen Leben und zur Intensivierung der Kontakte und Unterstützung der „Fridays for Future“-Bewegung (s.a.: www.fridays4future.de/recklinghausen).

Ihrem Bericht an die Delegierten stellte die Superintendentin ein Zitat von Präses Annette Kurschus voran: Mit dem „Zutrauen ins Unglaubliche“ könne Kirche von der Anstalt zur Akteurin werden. Christinnen und Christen könnten auf dieser Basis lernen, Gottesdienste neu zu feiern, deren Qualität zu verbessern, mutig die Anzahl der gottesdienstlichen Angebote zu senken und den Sonntag selbst als Ruhe- und Feiertag neu zu profilieren. 

Wie angesichts zukünftig sinkender Zahlen an Pfarrpersonen Seelsorge im Ehrenamt aussehen könne, sei auch eine Frage, wie in Zukunft in geistliche Gemeindeleitung investiert werde. Zur Entlastung der ehren- und hauptamtlich Tätigen sei eine deutliche Unterscheidung zwischen „Verwaltung“ und „Leitung“ nötig, so die Superintendentin. 

Der neu geschaffene regionale Arbeitsbereich „Gesellschaftliche Verantwortung“ mit Ausschuss sei ein „Forum für aktuelle Themen wie den Klimaschutz oder die Fragen eines sozialen Wohnungsmarktes“, sagte die Superintendentin. Auf dem eben beendeten 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund hätten der Bürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando, zusammen mit dem Ratsvorsitzenden der EKD, der Präses der Landeskirche und Aktiven der „Seebrücke“ ein „starkes Signal gesetzt zur Rettung von Menschen, die auf der Flucht im Mittelmeer in Seenot geraten sind“, so die Superintendentin. 60 Kommunen hätten sich inzwischen als „sichere Häfen“ für in Seenot geratene Menschen auf der Flucht im Mittelmeer erklärt. 

Um eine Planung und Entwicklung des synodalen Verbundes für Kindertageseinrichtungen insgesamt gewährleisten zu können, werde derzeit ein Vorschlag für eine gemeinsame Finanzierung erarbeitet. „Der Entwurf eines neuen Kinderbildungsgesetzes erfüllt die Hoffnung auf eine auskömmliche Finanzierung der Kindertageseinrichtungen nicht“, so Göckenjan-Wessel, entsprechende Gespräche zur Verbesserung würden auf allen Ebenen zwischen freien Trägern und Landesregierung geführt.

Die durch die neue synodale Fachstelle Jugendarbeit angestoßene Vernetzung der verschiedenen Akteure in Gemeinden, Schulen und anderen synodalen Diensten wie dem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) und der Diakonie mache „eine gemeinsame strategische Ausrichtung der Jugendarbeit insgesamt“ und in Verbindung mit der Konfirmand*innenarbeit möglich, sagte die Superintendentin. 

Mit dem Gottesdienst zu den Ruhrfestspielen in der Christuskirche (Recklinghausen-Altstadt), dem 10. kirchlichen Filmfest mit der Auszeichnung des Filmemachers Wim Wenders für sein Lebenswerk und der Skulpturenausstellung der niederländischen Künstlerin Lotta Blokker in St. Peter in Recklinghausen anlässlich des 40. Jubiläums der Telefonseelsorge hätten sich neue kulturelle Zugänge zu Glauben und Gottesdienst mit großer Resonanz ergeben, dankte die Superintendentin den jeweiligen Akteuren im Tätigkeitsfeld zwischen Kirche und Kultur.

Um den Wandel in den Organisationsformen zu unterstützen und Lern- und Entwicklungsprozesse zu ermöglichen, sind im Kirchenkreis mehrere Beratungsinstrumente profiliert worden. Dazu zählen die synodale Fachstelle Jugend, die neue Koordinationsstelle für das Gemeindeberatungs- und Entwicklungsprojekt „Gemeindeberatung Seelsorge an und mit alten Menschen - vernetzt im Quartier“, die wachsenden Dienstleistungen im Kreiskirchenamt, der sog. „Pfarrdienst im Übergang“, der verstärkt von Kirchengemeinden angefragt werde, das Lernmodell „interprofessionelles Team“ und die Visitation von Kirchengemeinden: nach den ermutigenden Erfahrungen in der Kirchengemeinde Recklinghausen-Süd im September letzten Jahres werde im kommenden September die Kirchengemeinde Recklinghausen-Ost visitiert. Auch die Zusammenarbeit zwischen den beiden Kirchenkreisen Gladbeck-Bottrop-Dorsten und Recklinghausen (sog. Gestaltungsraum X) sei intensiviert worden, so Göckenjan-Wessel.

„Die Umstellung auf das Neue Kirchliche Finanzwesen erfahren wir als tiefgreifende Veränderung der Organisation im Kreiskirchenamt und in Gemeinden. Den Gesamtprozess in der Landeskirche sehe ich im Rückblick kritisch. In Prozessen mit einer solch tiefgreifenden Wirkung muss die Leitung vorangehen. Sie muss selbst aus Erfahrung zeigen können, wie die Veränderung bewerkstelligt werden kann“, merkte die Superintendentin kritisch an und forderte einheitliche Verfahrensabläufe zur Bewältigung der Aufgaben im Gestaltungsraum X ein.

Aufgrund der veränderten Umsatzsteuerregelungen ab Januar 2021 müsse für das gemeinsame Kreiskirchenamt und darüber hinaus für alle gemeinsamen Funktionen der beiden Kirchenkreise ein Verband gegründet werden, der durch einen gemeinsamen Vorstand aus beiden Kirchenkreisen geleitet werden solle. Damit seien „aus unserer Sicht die Weichen gestellt für die gemeinsame Arbeit in der nächsten Wahlperiode“, schloss die Superintendentin ihren Bericht.

Im Anschluss forderte Pfarrer Burghard Müller, Vorsitzender des synodalen Finanzausschusses,  in seinem Bericht, dass Rückstände in den Buchungen im Rahmen der Umstellung auf das neue Finanzsystem „so schnell wie möglich aufgeholt werden müssten".

Als neue Stellvertretung der Superintendentin wurde Pfarrerin Kirsten Winzbeck als Assessorin gewählt, für den synodalen Finanzausschuss Dr. Jürgen Finke und als Synodalbeauftragter für die Notfallseelsorge Pfarrer i.R. Uwe Heubach.

Beschlüsse

Nach der Erläuterung der Flüchtlingsbeauftragten Jens Flachmeier und Pfarrer Christian Hüging zum sog. Palermo-Appell votierten die Delegierten dafür, die Kommunen im Kirchenkreis Recklinghausen dazu aufzufordern, sich als „sicheren Hafen“ für Bootsflüchtlinge zu erklären und die EKD und ihre Gliedkirchen zu bitten, als öffentliches Zeichen für Gemeinschaft, Solidarität und Nächstenliebe ein eigenes Rettungsschiff ins Mittelmeer zu entsenden.

Die Kreissynodalen folgten mit einigen Änderungen der landeskirchlichen Vorlage zur Änderung der Kirchenordnung hinsichtlich des Themas „Ehe und Trauung für alle“ und begrüßten damit inhaltlich die Ermöglichung der Trauung gleichgeschlechtlicher Paare, Nichtgetaufter und Ausgetretener.

Auch die Beschlussvorlage „Abendmahl für alle“, in der das Element „Wein“ durch das biblische Wort „Kelch“ ersetzt wurde und damit die vielerorts gültige Praxis unterstrich, Traubensaft statt Wein zum Abendmahl zu reichen, so dass beispielsweise auch Kinder daran teilnehmen können, wurde mit großer Mehrheit verabschiedet.

In der Stellungnahme zum sog. Pfarrstellenbesetzungsgesetz, mit dem für alle Pfarrstellen neue Rahmenbedingungen gesetzt werden, „damit die richtigen Personen in ausreichender Zahl an die richtigen Stellen“ kommen, votierten die Delegierten für klare Formatvorgaben, vielfältigere Stellenkombinationen und Gestaltungsmöglichkeiten.

Die Verkleinerung der Kirchenleitung von drei theologischen auf eine theologische Person im Hauptamt und insgesamt von 18 auf 14 Personen wurde mit großer Mehrheit begrüßt. Dem geplanten Gesetz zur Anpassung der Verwaltungsorganisation in der Ev. Kirche von Westfalen vor dem Hintergrund der veränderten Umsatzbesteuerung der öffentlichen Hand und den damit verbundenen Änderungen der Kirchenordnung wurde zugestimmt. Schließlich votierten die Delegierten für eine Änderung der Kirchenordnung bezüglich der Neuwahl und Wiederwahl von Superintendentinnen und Superintendenten sowie hauptamtlichen Mitgliedern der Kirchenleitung für einen einheitlichen Zeitraum von acht Jahren.

Aufgrund ihres beruflichen Wechsels in andere Kirchenkreise wurden abschließend die Pfarr-Ehepaare Bastian und Rebecca Basse, Antje Umbach und Thomas Fischer sowie Vikarin Christine Jürgens durch die Superintendentin verabschiedet.