„Jetzt darfst du ernten“

Pfarrer Karl Henschel in den Ruhestand verabschiedet

Foto: Pfarrer Karl Henschel wurde von Superintendentin Saskia Karpenstein (Mitte), den Diakoninnen Lena Schäfer (5.v.r.) und Karolin Wengerek (5.v.l.), seiner ehemaligen Kollegin Regine Vogtmann (r.), ehrenamtlichen Mitgliedern des Presbyteriums und weiteren Mitarbeitenden verabschiedet.

Haltern am See - Er darf weiter Taufen, Beerdigen, Gottesdienste und Abendmahl feiern – aber er muss es nicht mehr. Pfarrer Karl Henschel wurde am Sonntag im Gottesdienst im Innenhof des Paul-Gerhardt-Hauses von Saskia Karpenstein, der Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Recklinghausen, „entpflichtet“. Ab sofort ist er offiziell im Ruhestand. Ein bis zwei Jahre wollte Karl Henschel in Haltern bleiben, als er seinen Dienst zunächst in Sythen antrat. Daraus sind über 35 Jahre als Pfarrer an der Erlöserkirche geworden und insgesamt fast 40 im Evangelischen Kirchenkreis Recklinghausen.

Henschel nutzte seine letzte Predigt als diensthabender Pfarrer in Haltern für einen Rückblick. „Habt ihr alle ein Sitzplatz?“, fragte er zu Beginn „Es kann heute etwas länger dauern.“ Seine Dienstjahre in Haltern seien schöne, intensive und auch arbeitsreiche Jahre gewesen. „Ich habe immer gern gearbeitet“, so Karl Henschel. „Wir haben uns in der Stadt, in der Gemeinde und im Freundeskreis sehr wohl gefühlt.“ Er sei dankbar für die Arbeit im Pfarrteam, im Presbyterium und für die Unterstützung durch die ehrenamtlich engagierten Menschen in der Gemeinde, so der Pfarrer. „Ohne die Ehrenamtlichen ist ein Pfarrer nichts.“ Dankbar sei er auch für die ehrlichen Rückmeldungen. „Da legte mir mal ein Presbyter nach einem Gottesdienst den Arm auf die Schulter und sagte: ‚Karl, das war heute nichts‘. Und er hatte recht.“


Eine Bibelstelle aus dem ersten Buch der Könige Vers 19 machte Karl Henschel zum Ausgangspunkt seiner Predigt: „Setz dich auf“, sagt dort ein Engel zu Elia: „Denn du hast einen langen Weg vor dir.“ Elia habe aber auch einen langen Weg hinter sich. Dieser Weg habe auch Wunden geschlagen und Kraft gekostet, gab Karl Henschel zu. Augenblicke, die er lieber nicht erlebt hätte, waren Beerdigungen von Kindern und Jugendlichen, der Flugzeugabsturz der Halterner Schülerinnen und Schüler 2015 und jetzt der Ukraine-Krieg. „Es wachsen wieder Feindbilder. Aber wir sollten alle Flüchtlinge gleich behandeln: Bomben wie sie heute auf Mariupol fallen sind auch schon auf Aleppo gefallen.“ Positiv in Erinnerung geblieben sind im unter anderem die vielen Jugend-Freizeiten, die Open-Air Gottesdienste und die volle Erlöserkirche bei Weihnachtsgottesdiensten.

Tags zuvor hatte Karl Henschel im Blickpunkt in Sythen seine letzte Konfirmation gefeiert, einen Tag zuvor war er am Baubetriebshof, um noch Reste aus dem inzwischen leer gezogenen Pfarrhaus zu entsorgen. Dort traf er einen Konfirmanden seines allersten Konfi-Jahrgangs, inzwischen 48 Jahre alt. „Der wusste sogar noch seinen Konfirmationsspruch“, so Karl Henschel. Man kann diese Begegnung Zufall nennen, man kann ihr aber auch symbolische Bedeutung zumessen. So oder so: Für Karl Henschel hat sich ein Kreis geschlossen.

Viele Wegbegleiter verabschiedeten sich nach dem Gottesdienst von ihm, auch seine ehemaligen Kollegen Regine Vogtmann und Bastian Basse waren gekommen. Superintendentin Saskia Karpenstein dankte Karl Henschel für die geleistete Arbeit in Haltern. Mehr Zeit für die Familie und Arbeit im Garten im neuen Haus werden sicher einige Lücken füllen. „Jetzt darfst du ernten“, so Saskia Karpenstein zu Karl Henschel. 

Frei vor Pflichten aber als weiter aktives Gemeindemitglied wird er Haltern erhalten bleiben. Und wenn es gewünscht wird, gern auch noch ab und zu Dienste in der Gemeinde übernehmen. Aber was und wie viel, das entscheidet er in Zukunft ausschließlich selbst.


Text und Foto: Jürgen Wolter