Von der Hoffnung reden

Kreissynode tagte digital

Bildunterschrift: David Heuer baute den Saal im Paul-Gerhardt-Haus zu einem Studio um.

 

Kirchenkreis/Haltern am See. Wieder einmal tagte die Kreissynode des Evangelischen Kirchenkreises Recklinghausen aufgrund der Corona-Situation in digitaler Form. Mit professioneller Unterstützung entstand im Paul-Gerhardt-Haus der Evangelischen Kirchengemeinde Haltern ein kleines Studio, von wo aus Superintendentin Saskia Karpenstein und Assessorin Kirsten Winzbeck die Synode leiteten. Die Mitglieder der Kreissynode nahmen von zuhause digital an der Synode teil.

Grußworte

Kirchenrätin Daniela Fricke überbrachte die Grüße von Präses Annette Kurschus und der Landeskirche.

In ihrem Grußwort beschäftigte sich Fricke mit der Frage, wo der Platz der Kirche in dieser Gesellschaft sei. Die Volkskirche ist seit den letzten Jahrzehnten schon in der Krise und hat ein Problem. Es gibt starke Austrittstendenzen. Die Halbierung der Mitglieder ist bis 2040 prognostiziert. „Aktuell haben wir die 50%-Marke erreicht von Menschen, die einer der beiden großen Volkskirchen angehören“, machte Fricke deutlich. Von daher könne man sagen: „Der Begriff Volkskirche ist obsolet, aber nicht die Kirche an sich.“ Kirche habe keine Allzuständigkeit mehr, weg von der flächendeckenden Präsenz zur Archipelstruktur, von der Volkskirche zur Regionalkirche. Dabei sei der Gottesdienst-Besuch stabil geblieben, die Zahl der Ehrenamtlichen habe sogar zugenommen. Ein großer Stabilitätsfaktor sei die Kirchenmusik mit ihren Gesangs- und Bläserchören.

Kirche müsse integrationsfähig werden und kommunikationsfähig bleiben, sich zu Wort melden in den Krisen und ein kooperatives Verhältnis zum Staat gestalten. „Wir müssen offensiver werden“, so Kirchenrätin Daniela Fricke und lud ein zu einer gestaltenden Kirche der Zukunft.

Grüße aus der Nachbarschaft überbrachte Superintendent Steffen Riesenberg aus dem Kirchenkreis Gladbeck-Bottrop-Dorsten. Riesenberg wies darauf hin, dass Kirche dann wahrnehmbar sei, wenn sie authentisch ist, wenn Reden, Leben und Handeln Hand in Hand gehen. „Wir berichten, was Gott uns sagt und stehen mit unserem ganzen Leben für den Glauben ein“, so der Superintendent.

In seinem ersten Video-Gruß an die Kreissynode als neuer Propst überbrachte Karl-Hermann Kemper Grüße für das Kreisdekanat Recklinghausen. Aus seiner Sicht sei Kirche nicht mehr anders zu denken als in ökumenischer Verbundenheit. Und diese ökumenische Weite sei hier auch in den letzten Jahrzehnten gepflegt worden. Beide Kirchen haben die Aufgabe, den Herausforderungen der Zeit zu begegnen und in die Gesellschaft hineinzuwirken, gute Impulse zu geben. Kemper dankt für erste freundschaftliche und geschwisterliche Kontakte. Er wünscht sich weiterhin ein gutes Miteinander und freut sich auf die Zusammenarbeit und das Zusammenwirken.

Bericht der Superintendentin

Auch ihren zweiten Bericht hielt Superintendentin Saskia Karpenstein wieder vor einer digitalen Kreissynode, der dieses Mal eine besondere Spannung aufzeigte. Einerseits ist die Welt bedroht. Menschen verlieren ihre Heimat, Hoffnung und Leben. Und gleichzeitig sind Christenmenschen zur Hoffnung berufen und dazu, das Evangelium in die Welt zu tragen. „Nichts weniger kann die christliche Haltung unserer Zeit vielleicht sein: die Fähigkeit, das Leid Gott zu klagen, das Gebet zu nutzen, unsere Ohnmacht vor Gott aussprechen und aushalten. Und gleichzeitig auf Hoffnung und Veränderung setzen, Gott alles zutrauen, die Auferstehung Jesu predigen und leben“, so die Superintendentin.

In den nächsten Jahren wird sich das Gesicht des Kirchenkreises und seiner Gemeinden verändern, weil viele Pfarrerinnen und Pfarrer in den Ruhestand gehen. Nachfolgeregelungen im Pfarrdienst oder im Interprofessionellen Pastoralteam gestalten sich teilweise schwierig, auch weil das nachkommende Personal rar ist.

Die Corona-Jahre haben Spuren hinterlassen. Menschen sind dünnhäutiger geworden und tendenziell erschöpft. Aber Kirche sei auch digitaler, flexibler und erfindungsreich geworden. Besonders die Kirchenmusik habe durch die Pandemie sehr gelitten. Von daher ist Karpenstein gespannt, wie der neue gemeinsame Standort der Hochschule für Kirchenmusik in Bochum in den Kirchenkreis ausstrahlt.

Karpenstein betonte den Blick nach draußen. Was finden die Menschen in der Kirche? Was ist die kirchliche Botschaft? „Wir sind Kirche, wenn wir für die Menschen da sind und von der Hoffnung reden, die über uns und diese Welt hinausweist. Wir sind Kirche Jesu Christi. Wir glauben an Gott und dass das Leben ein anderes ist, wenn ich mit ihm in Kontakt stehe.“ Kirche wird sichtbar in Begegnungs- und Betreuungsangeboten für Kinder und Familien, in Angeboten für Jugendliche, in Verkündigung durch die Kirchenmusik, in besonderer Weise bei den Kasualien. Kirche wird sichtbar in diakonischen Handlungsfeldern und Angeboten. „Hier machen wir als Kirche damit ernst, dass wir da sind in Not und Krisen, dass wir hinsehen, trösten, begleiten und unterstützen. Zum Beispiel jetzt konkret bei den Geflüchteten.“

Karpenstein wies auf den Wandel hin, der der Kirche bevorsteht. Dabei werden Präventionsschutz und Klimaschutz zentrale Themen sein. „Ich möchte Mut machen, mit größeren Schritten den Wandel mitzugehen, damit wir mehr Luft haben für den kirchlichen Auftrag, die Kommunikation des Evangeliums, die Seelsorge und Diakonie. Wir müssen uns als Kirche konzentrieren, nicht alles an allen Orten machen, Schlaglichter setzen mit dem Mut zur Lücke. Dass wir Freude empfangen in unserem Glauben, in unserem Auftrag und das weiter tragen“, so die Superintendentin zum Abschluss ihres Berichtes.

Klimaschutz

Der Klimaschutz bildete das Schwerpunktthema der Synodaltagung. Die Landessynode der Evangelischen Kirche von Westfalen hat auf ihrer Novembertagung im vergangenen Jahr mit dem Erreichen der Klimaneutralität bis zum Jahr 2040 ein ambitioniertes Ziel beschlossen, das die Grundlage für die Weiterarbeit in den Kirchenkreisen und Gemeinden bildet. Dafür sollen verbindliche Maßnahmen inklusive rechtlicher Regelungen erarbeitet werden. Das Erreichen der Klimaschutzziele hat höchste Priorität.

„Wir sind an einem Punkt, an dem wir längst begriffen haben, dass wir aus Verantwortung gegenüber unserer Erde, unseren Kindern und unserem Gott die brennenden Fragen des Klimaschutzes einfach nicht ignorieren können“ so der kreiskirchliche Umweltbeauftragte Hans-Jürgen Hörner. Von daher stelle sich nicht mehr die Frage, ob Klimaschutz notwendig sei, sondern „wie wir uns dieser Verantwortung stellen möchten“. Wie werden wir in Zukunft mit unseren Ressourcen umgehen?

Die Schöpfungsverantwortung sei eine wichtige Aufgabe der Kirche, so Hörner.

Der Weg zur Klimaneutralität funktioniert eigentlich immer nach dem gleichen Prinzip: Zuerst geht es darum, Energie einzusparen (Reduzierung). Dann sollten fossile Energieträger wie Öl und Gas durch erneuerbare Energien ersetzt werden. Parallel dazu sollte nach Möglichkeit immer die Einsparung von Ressourcen der Umstellung des Energieträgers vorgezogen werden. Energetisch sei es beispielsweise immer besser, nicht zu heizen, als mit Strom zu heizen.

Von 1990 bis 2020 sind im Bereich der westfälischen Kirche ca. 40 % der Treibhausgase im Gebäudebereich eingespart worden. „Wie wir unsere Räume erwärmen, macht einen Großteil der Treibhausgase aus.“ Die eingesetzten Brennstoffe sind zum überwiegenden Teil fossil. Erdgas ist zu fast 80 % der Energieträger für die Heizung, danach folgt das Heizöl. Für die Zukunft werden fossile Energieträger massiv teurer werden und schwer zu beschaffen sein. Viele kirchliche Einrichtungen haben die Zeichen der Zeit verstanden und Veränderungen im Bereich Heizung und Energiesparen vorgenommen. Bei der Mobilität konnte das gesteckte Ziel nicht erreicht werden. Hier spielt das Fahrrad eine große Rolle. Der öffentliche Personen-Nahverkehr wird nicht in dem Maße genutzt.

Um die richtigen Schlüsse ziehen zu können, muss die Entwicklung der Kirche berücksichtigt werden. Dabei spielen Mitgliederzahlen, Kirchensteuerkraft, Energie- und Gebäudeunterhaltungskosten und die Gemeindeentwicklung eine zentrale Rolle. Um die damit verbundenen Aufgaben zu bewältigen, wird vorgeschlagen, in jedem Gestaltungsraum eine Person mit dem Klimamanagement zu beschäftigen, die Vor-Ort-Beratung betreibt, Klimaschutzkonzepte erstellt, die Energiedatenerfassung durchführt und entsprechende Anträge stellt. Dazu konnten sich die Synodalen noch nicht entschließen.

Mit großer Mehrheit hat sich die Kreissynode aber dem landeskirchlichen Ziel der Klimaneutralität bis zum Jahr 2040 angeschlossen. Der Kreissynodalvorstand ist beauftragt, einen tragfähigen Vorschlag für die Aufgabenverteilung und Finanzierung der Klimaschutzarbeit im Kirchenkreis zu erarbeiten und in die nächste Kreissynode einzubringen. Die Planungen sollen gemeinsam mit dem Nachbar-Kirchenkreis Gladbeck-Bottrop-Dorsten erfolgen.

Nachwahl zum stellvertretenden Assessor

Mit großer Mehrheit wählte die Kreissynode Pfarrer Andreas Wilkens aus Herten zum neuen stellvertretenden Assessor und damit zum 2. Stellvertreter der Superintendentin. Die Nachwahl war nötig geworden, da der bisherige stellvertretende Assessor, Pfarrer Eugen Soika (Recklinghausen-Altstadt) Ende März von seinem Amt zurückgetreten ist. Superintendentin Karpenstein dankte Soika für seinen langen Dienst in diesem Amt, gerade auch in der Zeit der Vakanz des Amtes der Superintendentin zum Beginn der Corona-Pandemie

Kirchenkreisverband

Mit Beginn des Jahres 2023 wird es eine neue kirchliche Körperschaft geben, den Evangelischen Kirchenkreisverband des Evangelischen Kirchenkreises Gladbeck-Bottrop-Dorsten und des Evangelischen Kirchenkreises Recklinghausen. Sascha Lipowski, Mitglied des Kreissynodalvorstandes des Evangelischen Kirchenkreises Recklinghausen, berichtete den Synodalen aus der Lenkungsgruppe, die diesen Prozess koordiniert. In dem neuen Verband werden die gemeinsamen Aufgaben beider Kirchenkreise wahrgenommen, wie die gemeinsame Verwaltung (Kreiskirchenamt), die gemeinsamen Pfarrstellen für das Schulreferat und die gesellschaftliche Verantwortung sowie die Öffentlichkeitsarbeit. Verschiedene Projektgruppen bearbeiten die bis dahin zu erledigenden Aufgaben, wie die Abarbeitung der rechtlichen und internen Prozesse bis hin zur Kommunikation in der neuen Körperschaft. Dafür müssen auch die bestehenden Satzungen überarbeitet und angepasst werden.

Aufstockung des Etats für Entwicklungshilfe

Einstimmig verabschiedeten die Mitglieder der Kreissynode eine Petition an den Bundestag, den Entwicklungshilfe-Etat nicht wie geplant um 800 Millionen Euro auf 11,6 Milliarden Euro zu kürzen. Angesichts der angespannten Ernährungssituation der Menschen im globalen Süden sie dies ein fatales Signal und eine völlig unverständliche Entscheidung. Die Corona-Pandemie habe besonders die ärmeren Länder um Jahre zurückgeworfen. Der Krieg in der Ukraine führt zu steigenden Preisen für Nahrungsmittel und erschwert den Kampf gegen den weltweiten Hunger. Die Petition wird an Bundestagsabgeordneten Frank Schwabe weiter geleitet mit der Bitte um Weitergabe an die Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Svenja Schulze, diese Entscheidung zu überdenken und zurückzunehmen.

Unterstützung für Geflüchtete aus der Ukraine

In den Städten des Kirchenkreises sind bereits Geflüchtete aus der Ukraine angekommen. Die einzelnen Kirchengemeinden unterstützen aktiv. Die Kommunen legen Wert darauf, dass die Kirchen mit am Tisch sitzen. Die Koordinierung innerhalb des Kirchenkreises erfolgt durch die beiden kreiskirchlichen Flüchtlingsbeauftragten, Pfarrer Christian Hüging (Datteln) und Jens Flachmeier (Diakonie Kirchenkreis). Aufgrund der aktuellen Lage wurde die digitale Kollekte für die Arbeit mit Geflüchteten aus der Ukraine gesammelt. Das Diakonische Werk unterstützt damit die geflüchteten Menschen in allen Bedarfen und Nöten, für die es in der unmittelbaren Ankommphase (noch) keine öffentliche Unterstützung gibt.

 

Text und Foto:

Ulrich Kamien, Ev. Kirchenkreis Recklinghausen, Referent der Superintendentin