Wie ist Jesus weiß geworden?

Erstellt am 10.08.2023

Lesung mit Sarah Vecera in Haltern

Foto: Pfarrerin i.R. Renate Leichsenring freute sich über die lebendige Diskussion mit Pfarrerin Sarah Vecera 

 

Sie kamen aus Unna und Bochum, aus Gelsenkirchen und aus allen Städten des Kirchenkreises: 40 Menschen zwischen Mitte 20 und Mitte 80, mit unterschiedlichen Ausbildungen und Lebenslinien, um sich Sarah Vecera anzuhören und mit ihr über ihr Buch: Wie ist Jesus weiß geworden? Mein Traum von einer Kirche ohne Rassismus, zu sprechen.

Gute 50 Minuten las Sarah Vecera am Montag im Paul-Gerhardt-Haus aus ihrem Buch, erzählte von ihren Erlebnissen in einer wohlbehüteten Kindheit in Oberhausen, von den ersten Erfahrungen, dass sie anders aussieht und Menschen sie auch darauf ansprechen.

„Ich wusste früh, dass ich auf die Frage: wo kommst du her? nicht einfach Oberhausen antworten konnte, sondern sofort sagte, dass mein Vater von den Philippinen kommt.“

Sie sprach darüber, wie sie langsam ein Wort fand für das, was ihr und anderen People of Colour in Deutschland begegnete: Rassismus. Sie ging auf die sich seit Jahrhunderten entwickelnde Geschichte des Rassismus ein und machte deutlich, dass wir – ob wir wollen oder nicht – ein Teil dieser Geschichte sind. Und auch, wie schwer es ist in ihrer Liebesbeziehung zu ihrem weißen Mann, den sie seit ihrer Jugend kennt, dieses Thema zu besprechen: „Meine kleine Tochter spürt sehr genau, wenn wir darüber reden und sagt dann: Jetzt streiten sie wieder über Rassismus.“

Nach diesem 1. Lesungsteil  folgte dann ein sehr langer Austausch über das Thema und auch über die Frage: was können wir denn tun? Wie können wir den Kindern und Enkelkindern ein anderes Denken vermitteln? In diesem Zusammenhang kam es zu einer längeren Diskussion über die von Sarah Vecera initiierte ALLE KINDER BIBEL. Sie hatte viele der Kritikpunkte schon gehört und die Autorinnen hatten auch schon selbst einiges ändern wollen. Es wird in Kürze eine überarbeitete Neuauflage erscheinen.

2,5 Stunden stand in 2 m Entfernung ein sehr offiziell aussehender Mann, der die Referentin und den Raum nicht eine Minute aus den Augen ließ. „Wie geht es Ihnen damit, dass dort der Herr vom Personenschutz steht?“ Und sie erzählte von einem Angriff bei einer Lesung, von den Anfeindungen im Netz, die diese Anwesenheit – zwar nicht an diesem Nachmittag  -nötig machten. Eine Extra- Ausgabe, die deutlich zu Buche schlägt. Nur Dank der finanziellen Unterstützung durch den  Kirchenkreises Recklinghausen  konnte die Frauenhilfe diese Lesung durchführen.

In Haltern drohte ihr an diesem Nachmittag keine Gefahr, sondern die Anwesenden wollten in der Mehrheit wissen, was sie denn tun könnten gegen Rassismus. Und da nahm sie den Anwesenden die Last, alles selbst richtig machen zu wollen. Es sei schon gut, nachzufragen, zu überdenken und sich immer wieder selbst zu fragen, was ich denke, was ich machen kann. Eine große Erleichterung für viele. „Und  es ist schon gut, dass sie sich heute auf den Weg gemacht haben, dass Sie mir zugehört haben, dass wir miteinander in dieser Atmosphäre bei Kaffee und Kuchen und an schön gedeckten Tischen sitzen konnten und miteinander gesprochen haben.“

Ihr zweiter, sehr kurzer Lesungsteil bestand aus dem Schluss ihres Buches: 1. Korinther 13, das hohe Lied der Liebe, und dem aaronitischen Segen.

Eine faszinierende, sympathische und engagierte Frau, die mit ihrer Art sehr dazu einlädt, sich dem Thema „Rassismus“ zu stellen, das Thema zu bedenken und Konsequenzen für das eigene Leben zu ziehen. Wir hätten mehr Zeit gebraucht, um über die Verstrickung der europäischen  Kirchen in die Rassismus-Geschichte  zu reden, über unsere Kolonialgeschichte und eine Kirchengeschichte, die sehr europazentriert ist.

Sarah Vecera hat uns viel zum Denken und Bedenken mit auf den Weg gegeben. (Renate Leichsenring)

Fotos: Lena Schäfer